Im süditalienischen Apulien hat sich mit der Notte della Taranta ein Musikfestival etabliert das die musikalische Tradition des Tarantismus vorangegangener Generationen aufgreift und neu interpretiert. Das anfänglich geschichtlich-religiöses und mythisches Phänomen hat sich allmählich zu einem folkloristischen und touristischen Event entwickelt.
Der Tarantismus hat im Salento in Apulien eine lange Geschichte und wurde einst am Festtag des hl. Paulus und Petrus zelebriert. In einer der südlichsten Regionen Italiens war lange Zeit der Glaube verbreitet, dass Frauen von der Tarantel-Spinne gebissen „verrückt“ wurden. Der Legende nach ist im Salento der hl. Paulus oder Santu Paulu, wie man es dort ausspricht, der Patron der
tarantati. Vom 28. bis zum 30. Juni trafen sich in der dem hl. Paulus geweihten Kapelle in Galatina, scharenweise tarantati aus dem gesamten Salento, um sich für die erhaltene Heilung zu bedanken oder darum zu bitten, falls sie nicht eingetroffen ist. Doch was vor diesem Zusammentreffen in der Kirche passiert, ist der Heilungsprozess in den Häusern. Nachdem eine Frau (meistens handelt es sich in den Berichten und Darstellungen um Frauen) angeblich von einer Tarantel gebissen wurde, holte man die Musiker aus dem Dorf ins Haus, die so lange spielten, ursprünglich „über drei Tage hinweg von Sonnenaufgang bis -untergang wiederholt und mittags für eine Stunde unterbrochen“, bis die Heilung vollzogen war. Anwesend waren die Musiker und die tarantata, die Familie und auch einige Zuschauer.
Die Tatsache, dass der Auslöser der Krankheitssymptome auf den Biss einer Tarantel und auf kein anderes Tier zurückgeführt wird, ist geographisch erklärbar. Die Tarantel kommt nämlich vorwiegend in trockenen, wüsten- und steppenartigen Gebieten, wie Apulien eines ist, vor. Interessant ist außerdem, dass die Tarantel nach Tarent, der Provinz und gleichnamigen Stadt in Apulien, benannt ist.
Der Tarantismus wird fernab von einem populären Mythos als ein System beschrieben, das hysterische und epileptische Zustände therapieren kann, als eine institutionalisierte Form der Heilung, eine Form der persönlichen und psychischen Befreiung, einer Art christlichen Exorzismus.
Mit der Zeit entstand das Fest la Notte della Taranta rund um diese kulturelle Praxis.
Der Tanz.
Der Name
tarantella ist Verkleinerungsform von taranta, der Tarantel. Er bezeichnet den Tanz, den die tarantate während ihres Heilungsprozesses ausüben.
Die
pizzica ist eine Unterform der tarantella, (von pizzicare: stechen, beißen, zwicken) deren Name erstmals 1797 auftaucht. Es handelt sich dabei vornehmlich um einen Tanz, der in den aristokratischen Kreisen getanzt, wurde und erst im 19. Jahrhundert auch als Tanz in den sozial niederen Schichten Eingang findet.
Der Tanz der tarantella hat eine kulturelle Verschiebung von einer therapeutischen Form des Tanzes zu einem massentauglichen Unterhaltungstanz erfahren. Die erst genannte Funktion ist in früheren Zeiten in Zusammenhang mit dem Phänomen des Tarantismus zu sehen. Als Unterhaltungsform wird er auch bei dem Fest la Notte della Taranta aufgeführt.

Die Entstehung des Festivals.
Nach dem Krieg, in den 50er und 60er Jahren gab es im gesamten Süditalien eine große Migrationswelle nach Norden, traditionelle Feste fielen vermehrt aus. Bedingt durch die Migration aber auch durch zahlreiche kulturelle Neuheiten, die einen Lebenswandel mit sich brachten, kam es in den 70er und 80er Jahren fast zum Verschwinden der ethnisch traditionellen Tänze. Eigentlich wurden sie erst wieder seit den späten 80er Jahren aufgenommen. Aber man war nun nicht mehr mit einfachen Manifestationen zufrieden, sondern man bediente sich nun kinematographischer Elemente, die Inszenierung wurde wichtiger. Generell gibt es im Laufe der Zeit, vor allem in Apulien (und Sizilien) wegen der oben genannten Offenheit, eine zunehmende Verschiebung des Festes von einem privaten Raum in die Öffentlichkeit.
Vor allem seit den 90er Jahren gab es ausgehend von der Provinz Lecce und dem Gargano eine Bewegung, die sich der Wiederentdeckung der alten traditionellen Musik und Tänze verschrieb. Es waren vor allem die Jugendlichen, die maßgeblich an dieser Wiederentdeckung beteiligt waren. Es findet eine Rückbesinnung der neuen Generation auf die vorhergehenden statt, die sie in gewisser Weise in einem Identifikationsprozess unterstützen soll. Aber die oben genannte Lücke, die innerhalb zweier Jahrzehnte entstanden war, führte dazu, dass es keine Modelle gab, an denen sich die Jugendlichen orientieren konnten. So kam es zu einer teilweisen Neuerfindung der Tänze, teilweise versuchte man anhand von Erzählungen der Alten die Tänze zu rekonstruieren.
In den 1990er Jahren wurde die Tanzform der tarantella von jungen Menschen in der Region als neu gewordene Tradition wieder aufgegriffen und 1997 erstmals bei einem Musikfestival zelebriert. Seitdem findet die
La Notte della Taranta jedes Jahr zwei Wochen lang in den Gemeinden der Grecìa Salentina, einer Sprachinsel in der Provinz Lecce, statt. Dabei spielen verschiedene Musikgruppen aus ganz Italien und getanzt werden natürlich die tarantella, die pizzica und andere Tänze aus der Tradition des Tarantismus. Im Zentrum des Festes steht nicht mehr die von der Tarantel gestochene und besessene Frau, sondern die Bühne, die Musik, der Tanz, die Feier. Der Höhepunkt des ganzen Festivals, das Galakonzert findet in Melpignano, auf dem Platz vor dem Ex-Augustinerkloster, statt.
Dieses Fest stellt den Höhepunkt der Sozialisierung und der Verbreitung des Tarantismus dar, dort begegnet sich Alt und Jung, Tradition und Moderne, Süditalien trifft auf den Rest Italiens. Von etwa 5'000 Zuschauer im Jahr 1998 sind es über 130'000 in den letzten Jahren geworden.
Die Notte della Taranta ist für die Provinz Apulien, insbesondere für den Salento zu einem Markenzeichen geworden.
Das Hauptanliegen der Organisatoren ist es, die Region Apulien über die Provinzgrenzen bekannt zu machen, Menschen anzulocken und folkloristisch Traditionen darzustellen.
(Hauptquelle: Sara Sailer "Vom Feiertag des hl. Petrus und Paulus zur „Notte della Taranta“)

